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Gefühle im Frühling: Begleitung und Selbstregulation

Wenn der Frühling kommt, erwacht nicht nur die Natur – auch die Gefühlswelt der Kinder gerät in Bewegung. Mit mehr Licht, wärmeren Temperaturen und längeren Tagen verändert sich spürbar die Dynamik in Kita-Gruppen und Schulklassen. Nach den oft ruhigeren Wintermonaten werden Kinder lebhafter, impulsiver und experimentierfreudiger.

Doch dieser Energieschub bringt Herausforderungen mit sich: Mehr Reize bedeuten auch mehr emotionale Überforderung. Freude, Aufregung, Ungeduld, Frust und Unsicherheit liegen jetzt oft nah beieinander.

Für pädagogische Fachkräfte ist der Frühling daher weit mehr als eine Zeit für Gartenprojekte und Bewegung im Freien. Er ist eine zentrale Phase für emotionale Begleitung und die Förderung von Selbstregulation.

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Warum der Frühling emotional fordernd sein kann

Der Wechsel der Jahreszeit wirkt auf Körper und Psyche. Mehr Tageslicht beeinflusst die Hormonausschüttung, aktiviert das Nervensystem und steigert den Tatendrang. Gleichzeitig ist das kindliche Gehirn noch dabei, diese Energie zu steuern und einzuordnen.

Hinzu kommen strukturelle Veränderungen:

• längere Aufenthalte im Freien

• neue Gruppendynamiken auf dem Außengelände

• eine hohe Reizdichte durch Farben, Gerüche und Geräusche

Besonders sensible Kinder oder solche mit Schwierigkeiten bei Übergängen geraten schneller in emotionale Übererregung. Genau deshalb ist der Frühling eine ideale Gelegenheit, emotionale Kompetenz alltagsintegriert zu stärken.

1. Gefühle sichtbar machen – Grundlage der Selbstregulation

Selbstregulation beginnt mit Wahrnehmung. Kinder müssen Gefühle zunächst erkennen, bevor sie lernen können, damit umzugehen.

Fachkräfte spielen dabei eine zentrale Rolle. Wer Gefühle wertfrei benennt, schafft Orientierung:

• „Deine Beine zappeln ganz viel – bist du gerade sehr aufgeregt?“

• „Deine Stirn ist ganz kraus. Ärgerst du dich, weil die Schaufel besetzt ist?“

Gefühle dürfen wie Wetterphänomene betrachtet werden: Sie kommen und gehen – keines ist falsch.

2. Rituale als emotionale Sicherheitsanker

Rituale geben Halt in einer bewegten Zeit.

Gefühlsbarometer im Morgenkreis
Mit Symbolen wie Sonne, Wolke oder Gewitter können Kinder ihre aktuelle Stimmung sichtbar machen. So wird emotionale Vielfalt normalisiert.

Ruheinsel nach der Draußen-Zeit
Ein klares Übergangsritual – etwa eine Klangschale oder ein ruhiges Lied – signalisiert: Jetzt darf das Nervensystem herunterfahren.

3. Zuhören statt sofort lösen

Kinder brauchen zunächst Resonanz, nicht sofortige Lösungen.

Statt „Ist doch nicht schlimm“ hilft:
„Ja, das fühlt sich gerade unangenehm an.“

Erst wenn ein Gefühl angenommen wurde, entsteht Raum für Lösungsstrategien. So wächst emotionale Intelligenz.

4. Emotionen spielerisch verarbeiten

Im Spiel verarbeiten Kinder Erlebtes.

Handpuppen oder Rollenspiele greifen typische Frühlingskonflikte auf – etwa das Teilen von Fahrzeugen im Hof. Wenn eine Puppe von ihrer Ungeduld erzählt, fühlen sich Kinder verstanden und entwickeln eigene Bewältigungsstrategien.

5. Kreative Ventile nutzen

Nicht jedes Kind findet Worte für seine Gefühle. Kreative Angebote schaffen Ausdrucksmöglichkeiten.

Wut-Bilder mit kräftigen Farben und großen Bewegungen

Ruhige Collagen mit Naturmaterialien und Pastelltönen

Im Vordergrund steht nicht das Ergebnis, sondern der Prozess: Gefühle dürfen sichtbar werden.

6. Regulation über den Körper

Gefühle entstehen im Körper – dort darf auch die Regulation ansetzen.

• Ein kurzes Rennen oder kraftvolles Springen hilft beim Spannungsabbau.

• Schwere Arbeiten wie Schubkarren schieben oder Sand tragen wirken regulierend und „erdend“.

Gezielte Bewegung unterstützt das Nervensystem dabei, wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

7. Achtsamkeit im Frühling

Die Natur bietet ideale Anker für Achtsamkeitsübungen:

„Eichhörnchen-Hören“: Wer hört das leiseste Geräusch?

„Sonnen-Spüren“: Wo fühlt sich die Wärme am stärksten an?

Solche Übungen beruhigen das Nervensystem und fördern innere Stabilität.

8. Den Wortschatz der Gefühle erweitern

Je differenzierter Kinder Gefühle benennen können, desto besser gelingt Selbststeuerung.

Der Unterschied zwischen „wütend“, „enttäuscht“ oder „überrascht“ macht Bedürfnisse klarer. Bilderbücher, Gefühlskarten oder Naturmetaphern helfen dabei:

„Fühlst du dich gerade wie eine geschlossene Tulpe oder wie eine weit geöffnete Pusteblume?“

9. Konflikte als Lernchancen begreifen

Mehr Energie bedeutet oft mehr Reibung. Konflikte sind jedoch keine Störung, sondern wertvolle Lernmomente.

Eine moderierende Haltung hilft:

„Du bist sauer, weil das Rad besetzt ist. Du möchtest weiterfahren. Wie finden wir eine Lösung?“

So lernen Kinder, Bedürfnisse zu äußern und Kompromisse zu entwickeln.

10. Rückzugsorte ermöglichen

Bei hoher Reizdichte sind geschützte Orte unverzichtbar: eine Leseecke, ein Zelt, eine Ruheinsel.

Kinder brauchen die klare Botschaft:
„Es ist okay, wenn dir gerade alles zu viel wird. Du darfst eine Pause machen.“

Das stärkt Selbstfürsorge und Eigenverantwortung.


11. Von der Natur lernen

Der Frühling selbst wird zum pädagogischen Bild:

Eine Knospe braucht Zeit, um sich zu öffnen.
Nach Regen folgt wieder Sonnenschein.

Diese Metaphern helfen Kindern zu verstehen, dass Gefühle kommen und gehen – und Entwicklung Zeit braucht.

12. Eltern einbeziehen

Viele Eltern erleben ihr Kind im Frühling als unruhiger oder sensibler. Transparente Information – etwa über einen Elternbrief oder ein Infoboard – schafft Verständnis.

Die Botschaft: Diese Phase ist normal. Sie gehört zum Entwicklungsprozess dazu.

Fazit: Emotional wachsen im Rhythmus der Natur

Der Frühling ist eine Zeit des inneren und äußeren Aufbruchs. Wenn wir emotionale Wellen nicht glätten, sondern Kinder darin begleiten, lernen sie, auf ihnen zu surfen.

Mit klaren Ritualen, achtsamer Sprache und einer wertschätzenden Haltung wird der Frühling zu einer Phase, in der Kinder nicht nur körperlich, sondern auch emotional wachsen.

Helena Katharina H., 18.02.2026